Interview mit Simon Dierks, Head of Marketing bei Green City Solutions

Mehr als die Hälfte aller Menschen lebt aktuell in Städten, Tendenz steigend. Doch gibt es hier hohe Feinstaub- und CO2-Emissionen, was u. a. die Gesundheit gefährdet. Um die Luftqualität im urbanen Raum zu verbessern, hat das Berliner Unternehmen „Green City Solutions“ einen Biotech-Feinstaubfilter entwickelt, der Moos mit digitaler Technologie kombiniert. Wir haben uns mit Simon Dierks, Head of Marketing bei Green City Solutions, darüber unterhalten.

Interview mit Simon Dierks von Green City Solutions. (Bild: Green City Solutions)

Herr Dierks, erzählen Sie zu Beginn ein bisschen über die Unternehmensgeschichte und Vision von Green City Solutions.

Green City Solutions ist jetzt 8 Jahre alt. Das Unternehmen geht auf ein Gründerteam aus den Bereichen Business, Maschinenbau, Informatik, Biologie/Garten- und Landschaftsbau zurück. Alle hat das Thema Luftverschmutzung geeint. Es gab eine große Motivation, eine Lösung zu entwickeln, die in Städten eingesetzt wird, um den urbanen Raum – und das ist auch die Vision – lebenswert zu gestalten. Der urbane Raum ist klar der Lebensraum der Zukunft und mit sehr großen Herausforderungen verbunden. Es gibt sehr viele Menschen, sehr wenig Platz und hohe Emissionen. 60 % bis 70 % der Emissionen gehen auf Städte zurück. Und dennoch haben Städte viele Vorteile wie z. B. Kultur, Infrastruktur und Mobilität.

Unser Geschäftsführer Peter Sänger erinnert sich, dass sein Großvater – der im Bergbau arbeitete –ihm erzählt hat, dass dort Mooskügelchen aufgehängt wurden, um die Luftzusammensetzung zu untersuchen. Man schaute, wie das Moos reagiert, um zu erkennen, welche Schadstoffe in der Luft sind. Und so hat quasi die Forschung angefangen – mit der Idee oder dem Wissen, dass Moos natürliche Fähigkeiten hat, die man für die Luftreinigung einsetzen kann.

Es dauerte ein paar Jahre, um zu verstehen, welche Herausforderungen damit verbunden sind, Moose abseits ihres natürlichen Habitats in einen Raum zu geben, sie auch noch vertikal einzusetzen und Luft durchzuführen, ohne dass der Stress für die Pflanze so groß wird, dass sie eingeht.

Welche Abteilungen umfasst das Team von Green City Solutions?

Die zentralste Abteilung ist unser Moos-Team. Wir nehmen das Moos nicht etwa aus der Natur, sondern kultivieren es selbst. Wir schaffen es inzwischen in unserer Moosfarm in Bestensee, die man auch virtuell besuchen kann, unsere Moosmatten in 12 bis 16 Wochen heranwachsen zu lassen. Unter besten Bedingungen in der Natur würde ein ähnliches Wachstum 3 bis 4 Jahre dauern. Moose sind nämlich recht langsame „Grower“.

Green City Solution’s Moosfarm in Bestensee. (Bild: Green City Solutions)

Das Moosteam schaut sich an, wie sich das Wachstum und die Robustheit der Moose verbessern lassen und auf welchem Material die Moose gut wachsen – und auch, wie sich die Kultivierung noch effizienter gestalten lässt und man Energie so einsetzen kann, dass ein zirkuläres System entsteht. Wir haben außerdem ein Mooslabor, in dem wir Forschung an der Pflanze betreiben, schauen welche Schadstoffe das Moos verarbeitet hat und welche Schadstoffe dem Moos oder verschiedenen Arten Schwierigkeiten bereiten. Wir sind immer wieder erstaunt, welche Ergebnisse da bezogen werden und was diese kleine Pflanze alles kann.

Unsere Tech-Abteilung versucht, die Technologie stetig zu verbessern und die Schnittstelle aus Pflanze und Technologie besser zu verstehen. Zudem haben wir ein Softwareteam, das die Umweltdaten (Luftfeuchtigkeit, Temperatur, Winde) und Luftqualitätsdaten (Schadstoffbelastung) für das Tech-Team aufbereitet. Über einen Bioalgorithmus – so nennen wir das – ist es möglich, unsere Anlagen aus der Ferne zu steuern (Ventilation, Bewässerung) und zu erkennen, wie es dem Moos geht.

Wie tragen die Moosfilter zur Luftverbesserung bei und wie wird die Luftqualität gemessen?

Die Luftfilter von Green City Solutions vereinen Moos mit digitaler Technologie. (Bild: Green City Solutions)

Die Maßnahme ist punktuell geeignet. Wir wollen da wirken, wo sich viele Menschen aufhalten und Luftqualität schlecht ist und Hitzeinseln entstehen. In zahlreichen Messungen, auch durch externe Institute, konnten wir eine Feinstaub-Filterwirkung von bis zu 82 % belegen, die Luftverbesserung ist auch noch in 5 Metern Entfernung nachweisbar. Gegen Hitzeinseln gehen die Moosfilter auch vor, weil sie Luft befeuchten und kühlen und so Frischluftzonen errichten. Wir können unsere Filter mit Sensorik ausrüsten, um zu erkennen, welche Daten es zur Luftqualität und auch zu Hitzeinseln gibt. Mit diesem Ansatz stehen wir dafür ein, dass die großen Hebel in Bewegung gesetzt werden – wie den Verkehr zu reduzieren und mehr Begrünung an Fassaden auf Dächern einzusetzen.

Warum werden nicht einfach Bäume gepflanzt?

Der Großraum Berlin ist zum Beispiel zu 70 % versiegelt – das heißt, der Boden ist asphaltiert. Ein gesunder Baum braucht viel Platz. Da gilt die Faustregel „die Krone ist gleichbedeutend mit dem Wurzelraum“. Wo sollen die Wurzeln unterirdisch so viel Platz finden, in einer Stadt, die von Kanalisation, U-Bahn-Schächten und Kabeln durchzogen ist? Das sind dann die Orte, an denen statt Bäumen unsere Moosfilter eingesetzt werden können. Und deshalb sind wir davon überzeugt, dass Moos in die Stadt muss, weil es eben hochwirksam auf ganz, ganz wenig Platz ist. Und über die Technologie schaffen wir es, die Natur zurück in die Stadt zu bringen – in einen sehr lebensfeindlichen Raum für die Pflanze, so muss man das leider sagen.

Welche Lösungen gibt es für Immobilienunternehmen und wie lassen sich diese in Neubauprojekte integrieren?

Der CityTree im Einsatz in Graz. (Bild: Green City Solutions)

Wir haben mit dem „CityTree“ angefangen – das ist ein Stand-Alone-Produkt, wie wir das nennen. Also er steht auf einem Platz oder an einer viel befahrenen Straße oder in einer Fußgängerzone. Dort wird eine Zone errichtet – ein Dome an frischer Luft. Unser neuestes Produkt – das Fassadenmodul, das „Wallbreeze“ heißt, soll großflächig wirken. Es ist ungefähr 2,4 Meter hoch und ca. 1,4 Meter breit. Und von diesem Modul können bis zu 48 Stück miteinander kombiniert werden. In langen Unterführungen z. B. können diese Module nebeneinandergeschaltet werden und dort erheblichen Einfluss auf die Luftqualität haben. Natürlich auch an Fassaden im urbanen Raum, überall dort wo Platz ist, lässt sich das integrieren. Wir haben die Hoffnung, damit noch viel mehr Moos in die Stadt zu bringen.

Bei Neubauten werden die Module in die Fassaden eingearbeitet und über nur eine Headunit gesteuert (etwa so groß wie ein Handgepäckkoffer) im Inneren des Gebäudes. Uns ist sehr wichtig – und das haben wir auch aus der Immobilien- und Plannerbranche so mitbekommen – dass die Module leicht integrierbar sind. Sie stehen auf dem Boden und werden mit einer Verankerung an der Wand befestigt. Sie sind bei Bestandsgebäuden einfach nachzurüsten und bei Neubauten einfach in die Außenfassade zu integrieren.

Gibt es auch Produkte für den Innenbereich von Gebäuden?

In einem gewöhnlichen Atrium kann z. B. der CityTree – der leistungsstärkste unserer Filter – die ganze Luft des Atriums in einem Tag reinigen. Wir haben einen spannenden Fall bei Refratechnik in Melle – das ist ein Industrieunternehmen, das feuerfeste Steine herstellt. Unser CityTree ist dort in einer Industriehalle im Einsatz (in der Umgebung eines Ofens und der Produktion), wo viel Staub entsteht und eine große Hitze herrscht.

In ein Büro schaffen wir es grade noch nicht, aber das sind die nächsten Entwicklungsschritte. Für dieses Jahr ist das Fassadenmodul unser Fokus und da werden wir jetzt spannende Pilotprojekte starten. Für die nächsten Jahre haben wir uns klar vorgenommen, kleiner zu werden.

Herr Dierks, vielen Dank für das informative Gespräch!

Interview: Janek Müller

Titelbild: Green City Solutions

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